szmmctag

  • wir sind umgezogen!

    Wir sind zum 1. Dezember 2012 mit unserem blog umgezogen. Ab sofort findest du uns unter

    http://www.akuwilhelmsburg.blogsport.eu

    Falls du Inhalte von diesem blog verlinkt hast: da wir nicht wissen, wie lange die Inhalte auf dieser Seite noch im Netz stehen werden, raten wir dir, die links auf die Dateien auf unserer neuen Seite umzuleiten.

  • Aufschwung igs: Endlich ist er da!

    Lange hat es gedauert, aber nach einigem Zögern und Stottern ist der Beschäftigungsmotor igs 2013 doch noch angesprungen. Viele hatten schon nicht mehr geglaubt, dass sich die sa-genhaften Versprechen für neue Arbeitsplätze jemals erfüllen: "2.200 Dauerarbeitsplätze, davon 1.400 in Wilhelmsburg, und 8.800 befristete Jobs" hatte der damalige Umweltsenator Porschke im Januar 2001 im Bürgerhaus angekündigt. Gut, das war vielleicht etwas übertrie-ben. Also korrigierte die Behörde im Juli 2001 die Zahlen nach unten auf " rund 3.500 tempo-räre und 2.100 dauerhafte Arbeitsplätze". Aber immerhin.

    In den folgenden 10 Jahren passierte dann erst mal … nichts.

    Um dieses Nichts schließlich irgendwie doch noch zu füllen, gründeten Arbeitsagentur, Job-center und das BFW Vermittlungskontor GmbH dann im September 2011 in einem gemein-samen Kraftakt die Vermittlungsagentur Wilhelmsburg. Ziel sollte sein, "Jobsuchende auf der Elbinsel zu fördern. Großprojekte wie die Internationale Gartenschau (igs) und die Bauaus-stellung (IBA) versprechen jede Menge Arbeitsplätze, wovon in erster Linie der Stadtteil pro-fitieren soll", erfuhren die LeserInnen des Elbe Wochenblatts im November 2011.

    Es passierte erst einmal … nichts.
    Dann plötzlich, im März 2012, begaben sich igs GmbH und Medien auf die Suche nach Gä-steführerInnen für das Gartenschaugelände während der Ausstellung 2013. Unter der Rubrik "Job in der Natur" suchte auch das Hamburger Abendblatt mit, recherchierte die Story aber lieber nicht und endete so in völligem Blödsinn: "Die internationale garten schau 2013 bildet Natur- und Landschaftsführer und Tourbegleiter aus". Den besser informierten Lokalblättchen war stattdessen zu entnehmen, dass die igs zwar tatsächlich FreiberuflerInnen als Gästeführe-rInnen suchte, eine wie auch immer geartete 'Ausbildung' für diese Tätigkeit wurde allerdings nicht von igs angeboten, geschweige denn finanziert. Interessierte sollten vielmehr die Lehr-gangs- und Prüfungsgebühren in Höhe von 450 bis 500 € selbst aufbringen – das 'Angebot' der igs bestand darin, den neuen Selbstständigen so viel Arbeit zu garantieren, dass sie die ihnen entstandenen Kosten wieder rausbekommen. Also jede Menge Stress, Steuer- und Pa-pierkram, bei dem laut igs-Werbeflyer mal gerade eine "Zu- und Nebenverdienstmöglichkeit" abfällt. Eben nichts für Leute, die eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung suchen, von der sie leben können.
    Also auch weiterhin: ein unendliches Nichts in Sachen Arbeitsplätze, abgesehen von eher peinlichen Spaßangeboten. So werden z. B. für die Tätigkeit "Maskottchen Felix" schon seit längerem Leute gesucht, die albern verkleidet als Schildkröte rumlaufen und sich von Kinder boxen lassen müssen.

    Selbstständige, Nebenverdienste und sonstiges Kaspertheater … ansonsten nichts.

    Bis jetzt das Märchen von den Arbeitsplätzen doch noch wahr zu werden scheint, denn jetzt kommt sie: die richtige Arbeit!

    In seiner Oktoberausgabe verbreitete der Wilhelmsburger Inselrundblick eine Einladung der Arbeitsagentur Harburg zu einer offenen Informationsveranstaltung im November 2012: "Wir suchen Sie! Beschäftigungsmöglichkeiten für Bewohner Wilhelmsburgs während der Gartenschauzeit." Und auch der Blick ins Internet auf die Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit bestätigt es: Gesucht werden BeiköchInnen, Spülkräfte, Abräumkräfte, Leute für die Speisenausgabe, Personal für Theken, HelferInnen im Verkauf - 200 offene Stellen! Gut, das sind nicht wirklich die sagenhaften 3.500 befristeten Jobs, und über die Legende von 8.800 temporären Arbeitsplätzen redet eh niemand mehr. Aber trotzdem: Supersache! Wenn…

    Wenn nicht das kleine Kästchen "Konditionen des Stellenangebots" angeklickt wird, denn dann öffnen sich die Arbeitszeiten und auch die verträumten Augen: 45 Wochenstunden, 6-Tage-Woche im Schichtbetrieb von 8 bis 19 Uhr, Mehrarbeit bei Sonderveranstaltungen. Ein richtiger Knochenjob also! Nur zur Bezahlung steht hier so gar nichts…

    Die Bezahlung war leider auch nicht auf der eigens zu diesem Zweck aufgesuchten Informati-onsveranstaltung in der Arbeitsagentur Harburg zu klären. Hier wurden zwar die Arbeitszei-ten noch etwas mehr entgarantiert: Beginn "zwischen 7 und 8 Uhr", Ende "ca. 18 bis 20 Uhr", die tägliche Arbeitszeit "kann auch mal 10 Stunden sein", "an Regentagen auch nur 4 Stun-den", regelmäßige Wochenendarbeit usw. usf. Die Antwort auf die Frage nach der Entloh-nung blieb aber trotz mehrfacher Nachfrage bei einem lapidaren "tarifangelehnt". Das kann ja alles heißen bei einem nicht tarifgebundenen Arbeitgeber. Und genau darum handelt es sich bei dem sächsischen Unternehmen Polster Catering, das jetzt zum xten Mal den Zuschlag für die Exklusivverköstigung von GartenschaubesucherInnen erhalten hat und die Massenspei-sung übers das ganze Gelände verteilen wird: 3 Festzelte mit insgesamt 2.600 Sitzplätzen, zusätzlich Kioske, Imbisse, Eisstände, Getränkebuden… Polster Catering ist eben ein echter Profi und legt bei den erwarteten BesucherInnenzahlen auch lieber gleich 1 Mio. auf die schüchternen igs-Prognosen drauf.

    Aber zurück zur Bezahlung: "tarifangelehnt" also. Wie dehnbar dieser Begriff ist, mag ein Blick auf die Arbeitszeit verdeutlichen: Laut Manteltarifvertrag sind für die sog. Systemga-stronomie (dazu gehören auch Cateringfirmen) 39 Wochenarbeitsstunden verteilt auf 5 Tage pro Woche vereinbart; zwar verstößt eine 45-Stunden-/6-Tage-Woche nicht gegen die gesetz-lichen Bestimmungen, von "tarifangelehnt" kann hier allerdings keine Rede mehr sein.

    Aber selbst wenn wir die Tarifgehälter zugrunde legen würden, käme dabei kaum eine ange-messene Entlohnung für diese anstrengende, stressige Arbeit heraus: Die hier angebotenen Jobs sind alle in den unteren Tarifgruppen verankert, denn verantwortungsvollere Tätigkeiten werden mit Stammpersonal besetzt ("Küchenleiter bringen wir mit") bzw. über die unterneh-menseigene Internetseite gesucht (Koch/Köchin). Der bundesweit geltende Entgelttarifver-trags zwischen dem Bundesverband der Systemgastronomie e. V. und der Gewerkschaft Nah-rung–Genuss–Gaststätten sieht für diese Tarifgruppen einen Stundenlohn zwischen 6,85 € und 7,88 € brutto vor; hieraus ergäbe sich für eine 45-Stunden-Woche ein Bruttomonatsver-dienst von mickrigen 1.335 € bis 1.536 €. (Von Schicht-, Sonn- oder Feiertagszuschlägen ist wohl eher abzusehen, da die Bezahlung ja "tarifangelehnt" ist.)

    Hier haben wir sie nun also endlich, die richtige Arbeit: brutale Bedingungen, schlechte Be-zahlung.

    Davon allerdings genug, denn die Besetzung der 200 offenen Stellen gestaltet sich durchaus zögerlich. Glücklicherweise scheinen viele Menschen sich nicht freiwillig ausbeuten lassen zu wollen, denn zu der Informationsveranstaltung der Arbeitsagentur waren gerade mal 20 Ar-beitssuchende erschienen. Mehrere von ihnen waren zur Teilnahme zwangsverpflichtet wor-den und daher eher an möglichen Sanktionen interessiert, die sie treffen könnten, wenn sie hier und heute keinen Arbeitsvertrag unterschreiben würden. Am Schluss der 20-minütigen Präsentation meldeten sich 7 Interessierte für ein anschließendes 10-minütiges Einzelgespräch mit möglichem Vertragsabschluss. Es ist allerdings zu bezweifeln, dass die interessierte Ar-beitssuchende, die auf den Rollator gestützt zum Gespräch abschob, tatsächlich einen Vertrag als Kassiererin bekommen hat. Und auch der distinguiert wirkende ältere Herr mit den grauen Schläfen dürfte nicht den Vorstellungen des Arbeitsgebers von einer durchtrainierten Ab-räumkraft für Geschirrberge entsprochen haben.

    Jobmotor igs? Wohl kaum in Bezug auf menschenwürdige Arbeit.

    Bleibt noch ein letzter Punkt – die Frage nach dauerhaften Arbeitsplätzen. Diese musste ein-fach auf der Veranstaltung gestellt werden, schließlich hieß es im Einladungstext: "Die Ar-beitsagentur unterstützt Sie bei der Entwicklung Ihrer beruflichen Perspektiven im Anschluss an die Beschäftigung bei der Internationalen Gartenschau." Von der Firma Polster Catering kam als Antwort darauf der vage Hinweis auf das Wasserwerk, das das Unternehmen ja im März 2012 übernommen hatte und auch nach 2013 weiter betreiben will. Auf die konkrete Nachfrage, wie viele der 200 "Saisonkräfte" denn dort weiterbeschäftigt werden können, kam wieder einmal … nichts.

    Aber Herr Wengst von der Arbeitsagentur, tschuldigung, vom Vermittlungskontor Wilhelms-burg, der griff die Frage am Schluss noch einmal sehr ernsthaft auf: es gäbe, so seine Aus-kunft, "Gespräche mit dem Hotel- und Gaststättenverband", und es sei "daran gedacht, dass es für Mitarbeiter während der igs eine Anschlussbeschäftigung geben soll". Na, das ist doch nett.

    Und so gibt es sie ja vielleicht, die Fortsetzung des Märchens von den Arbeitsplätzen durch die igs …

  • Das gab es noch nie!

    Die Internationale Gartenschau 2013 verschickte am 12. Oktober 2012 einen Brief an "die Interessenvertreter/-innen der Wilhelmsburger", nämlich an die Mitglieder des Berats für Stadtteilentwicklung Veddel. Darin lädt sie zu einer Pressekonferenz mit BSU-Senatorin Jutta Blankau ein, auf der die "Nachbarschaftskarte" der igs gefeiert werden soll. Aber lest selbst.

    Einladung Pressekonferenz Nachbarschaftskarte

    Nein, so dreist war wohl noch keine Internationale Gartenschau. Da wird den Bewohner_innen eines Viertels über drei Jahre lang der Zugang zu einer 100 Hektar großen Grünfläche verwehrt, das Schwimmbad wird geschlossen, der Stadtpark eingezäunt, mehrere tausend Bäume werden für die Bauarbeiten gefällt - um nur einige Punkte zu nennen. Und nun verhöhnt die igs die Menschen hier im Viertel gleich doppelt. Für ihre scheinbare Geduld - der Protest (um nur ein Ausschnitt zu nennen) war also nicht "laut" genug, oder woher nimmt Heiner Baumgarten die Vermutung, dass die Menschen hier "geduldig" gewartet hätten? - bei den Bauarbeiten bedankt sich die igs bei den "Bewohnerinnen und Bewohnern der Elbinseln". Und großzügig, wie sie nun ein Mal ist, darf nun jede_r Bewohner_in Wilhelmsburgs kostenlos auf die ehemals öffentlichen Flächen, die eigentlich schon immer kostenlos zu betreten waren. Ach nein, ganz am Ende steht ja noch die Einschränkung: "an drei Tagen ihrer Wahl". Mensch, da freuen sich die Bewohner_innen Wilhemsburgs. Ganze drei Tage Zutritt für den ehemaligen Stadtpark in mehr als drei Jahren!

    Ob die igs ihnen auch erlauben wird, dort z.B. zu grillen oder mit dem Hund zu spielen, so wie sie es immer gemacht haben? Ob auf dem Ausstellungsgelände einer Internationalen Gartenschau einfach entspannt auf einer Wiese gelegen werden kann, bzw. darf? Ob die Menschen in diesen perfekt durch organisierten, privatisierten und mit Überwachungskameras ausgestattetem Raum ihr Essen und Trinken auf einer beliebigen Wiese zu sich nehmen dürfen?

    Wir werden sehen. Immerhin kommen die Menschen aus Wilhelmsburg so endlich mal in den Genuss eines guten Schallschutzes, was die Bahntrassen von Hamburg in Richtung Süden angeht. Schließlich wurde die wenige Meter hohe Blechwand, die die Bewohner_innen östlich der Trassen vom Lärm schützen soll nicht verbessert, als der 14 Meter hohe high-tech Schutzwall für die Besucher_innen der igs auf der Westseite der Schienen errichtet wurde.

    Und wie ist an eine "Nachbarschaftskarte" heran zu kommen? Na, ganz einfach! Zuerst muss mensch ins Wilhelmsburger Rathaus gehen und dort einen Bogen, der natürlich nur in deutscher Sprache erhältlich ist, ausfüllen. Mit diesem Dokument geht es dann ins igs-Zentrum, wo während den Geschäftszeiten unter Vorlage des Personalausweises der Antrag offiziell gestellt wird. Ab Februar 2013 können die personifizierten "Nachbarschaftskarten" dann unter erneuter Vorlage eines Lichtbild-Ausweises im igs-Zentrum abgeholt werden.

    Vielleicht finden sich 2013 ja einige Wilhelmsburger_innen zusammen, die mit der deutschen Bürokratie umzugehen wissen und ihre "Freikarte" dazu nutzen, der igs zu zeigen, wie dankbar sie ihr für all ihr Engagement hier im Stadtteil sind.

  • Dockville gerettet...

    Jüngst meldete die Presse mit großer Erleichterung: Dockville ist für die nächsten 2 Jahre gerettet. Jubel überall? Nicht so ganz. Bei allem engagierten und vielseitigen Programm hat Dockville doch überhaupt nichts mit den Problemen und Kämpfen im Stadtteil zu tun - außer dass die geile location als Hintergrundkulisse dient.

    Leser_innen diese Blogs wissen: Wilhelmsburg wird in staatlichem Auftrag aufgewertet; ein sozialer Verdrängungsprozess ist im vollen Gange. Gleichzeitig gibt es aber keine reale Verbesserung der Wohn- und Lebenssituation, wohnwertabträgliche Faktoren (z.B. Umweltbelastungen) werden nicht reduziert, im Gegenteil: Das öffentliche Grün wird abgeräumt und an Investoren verkauft. Die Aufwertung läuft virtuell. Das IMAGE des Stadtteils wurde durch die Arbeit der städtischen IBA-GmbH verbessert, mit der Folge, dass trendgeneigte oder andernorts verdrängte Menschen jetzt in Wilhelmsburg wohnen wollen, was wiederum der Wohnungsmarkt mit massiven Mietsteigerungen beantwortet. Die für diesen Prozess notwendigen Positiv-Images lassen sich kaum besser erzeugen als durch Zehntausende von begeisterten jungen Menschen, die vor einer atemberaubenden Hafenkulisse ein supersophisticatetes Kulturevent feiern. So fleht Dockville denn auch die Stadt an, als Parner für das Stadtmarketing anerkannt und belohnt zu werden.

    Dockville erzeugt aber nicht nur nützliche Bilder.

    Es geht auch noch um einen ganzen Reigen von „Problemlösungen“, die im Sinne des neoliberalen Zeitgeists dem Unternehmen Hamburg von Wert sind.
    Vor einem (zeitlosen) Text von vor 2 Jahren hier noch drei vorangestellte, aktuelle Bemerkungen.

    1. IBA-Partnerschaft
    Dockville ist offiziell kein IBA-Partner und erhält auch keine Direktzahlungen der IBA mehr, so heißt es. Dennoch lässt sich IBA-Direktor Hellweg gern auf der Fläche ablichten, lobt das Projekt und lässt es positiv auf der IBA-site darstellen. Für Dockville und Stadt ist es egal, ob die Förderung von der IBA oder – wie jetzt – aus der Kulturbehörde kommt, nur kann Dockville jetzt das Prädikat IBA-frei tragen.

    2. Warum ist Dockville genau da, wo es ist?
    Das ehemalige Raffineriegelände ist eine hochbrisante Altlast, das seit seiner Zerbombung im 2. Weltkrieg ungenutzt ist. Wegen dieser Brisanz traute sich die flächenbegehrliche Hafenwirtschaft bislang nicht heran. Kurz: Für eine Hafennutzung ist dieser Ort zu giftig. Im letzten Jahr, als sich die Fläche regenbedingt in Schlamm verwandelte, wurde die Situation deutlich. Berichte über seltsame Gerüche aus dem Boden und die sich hinterher auflösenden Gummistiefel waren kein Zufall. Für die nun doch angestrebte Hafennutzung von Teilen der Fläche soll dort demnächst (auf Steuerkosten) saniert werden – für die Abfertigung von Touristen ist das offenbar nicht nötig. Wir lernen: Auch mit unsanierten Altlasten lässt sich Kohle machen, wenn ahnungsloses Partyvolk darauf feiert. Siehe z.B.: http://www.welt.de/regionales/hamburg/article108390238/Dockville-Festival-muss-sich-neuen-Standort-suchen.html
    Die Unbedenklichkeitsbescheinigung soll übrigens vor Jahren das Bezirksamt Harburg erteilt haben, fachlich nicht zuständig und auch örtlich längst nicht mehr.

    3. Umgang mit öffentlichem Grün
    Eine weitere „Lösung“ eines neoliberal-städtischen Problems ist der wertschöpfende Umgang mit dem öffentlichen Grün. Das Vorhalten von öffentlichen Parks auf Staatskosten entspricht bekanntlich nicht mehr zeitgemäßer Ideologie. IBA und igs haben mit der Dockvillefläche eine zukunftsträchtige Vorzeigelösung gefunden – siehe dazu auf diesem blog: Erste öffentliche Grünanlage zur Abhaltung kommerzieller Großevents eingerichtet. Die Grünanlage am Reiherstiegknie ist zur Erwirtschaftung von Einnahmen geschaffen worden. Entsprechende Umwidmung dürfte dann auch die Perspektive für andere Parks sein; der Stadtpark wird bereits jetzt weitgehend als Konzert-Location betrieben – mit entsprechender Lärmbelästigung der umliegenden Bevölkerung.

    Der folgende Text hat den Stand von 2010 – und ist dennoch aktuell.

    Der 1. Teil weist auf Umwelt- und Naturschutzaspekte hin.
    Der 2. Teil behandelt den (Positiv)Lärm.
    Der 3. Teil widmet sich der Kinderarbeit.
    Unter Nummer 4 dann noch ein Hinweis auf Parallelen zur Loveparade

    1.
    Umwelt und Natur dürfen Aufwertung nicht stören
    Warum ist mitten im so flächenhungrigen Hamburger Hafen, am Reiherstiegknie – historisch Ruisort – so eine schöne Freifläche? Es ist eine Altlast.
    So brisant, dass der begierige Hafen bislang die Finger davon ließ. Im 2. Weltkrieg wurden hier Raffinerien zerbombt. Später wurde Sand darübergeschüttet. Die Bildzeitung(!) berichtete vor Jahren über Dioxin. Jetzt buddeln Kinder darin, es wird gezeltet und gefeiert. Nichtwissen hilft beim Spaßhaben.

    Und was ist da, wenn kein Festival stattfindet?
    Trotz der Belastung existieren auf dem Areal gesetzlich geschützte Biotope. Es gibt nämlich nach geltender Rechtslage sozusagen automatische Naturschutzgebiete.
    Weil das Ausweisen von herkömmlichen Naturschutzgebieten ein langwieriger Prozess ist, gibt es im Sinne der schützenswerten Lebewesen einen rechtswirksamen Sofortschutz: die gesetzlich geschützen Biotope, die allein aufgrund ihrer Existenz geschützt sind, also nicht vernichtet werden dürfen. Dazu gehören z.B. naturnahe Gewässer, Röhrichte oder Trockenrasen. Über Ausnahmen beim Schutz entscheidet die zuständige Umweltbehörde. Womit schon ein Problem auftaucht: Die wurde von der Baubehörde feindlich übernommen, heißt jetzt BSU (Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt), und das ehemalige Naturschutz-Amt wurde zur Abteilung degradiert. Die BSU ist übrigens auch damit beschäftigt, den „Sprung über die Elbe“ zu managen, für den sie sich als eigene, privatisierte Ausgründung die IBA-GmbH hält. Diese GmbH hat in der Vergangeheit Dockville gefördert, denn dieses Großevent ist gut für die Aufwertungspolitik, mit der Wilhelmsburg überzogen wird. Dockville erzeugt die gewünschten Positiv-Images. Da muss der Naturschutz mal ein wenig zurückstehen. Und tatsächlich: die gesetzlich geschützen Schilfröhrichte binnendeichs (da wo gezeltet wird), sind bis auf die Erdschürfe abgemäht, die geschützten Trockenrasenbereiche außendeichs (die eigentliche Veranstaltungsfläche) sind zerfahren oder es sind Zelte und Bühnen draufgebaut. Es war immer wieder kein Personal zur Überwachung der Auflagen vorhanden, schließlich ist auch in der Behörde neben Personalmangel auch noch Urlaubszeit, und Wochenendüberstunden sind nicht möglich. Und natürlich ist nicht zu erwarten, dass ein kleine Abteilung innerhalb der BSU durch besonders gesetzestreues Verhalten die Umsetzung der Politikziele des Senats erschwert...

    Bei all dem hat Dockville ein gutes Gewissen: Sie wissen, dass die Biotope da ja sowieso alle wegkommen, weil entsprechende Planungen bestehen.

    Allerdings macht es schon einen Unterschied, ob die geschützten Biotope schnell aus Versehen beseitigt werden oder ob sie noch vorhanden sind, wenn Port Authority, die BSU oder ein Investor dort umstrukturieren. Denn nur existente geschützte Biotope sind geschützt und müssen bei (genehmigter) Beseitigung ausgeglichen werden. Was weg ist, ist weg. Von einem fliegenden Eventhändler wird man keinen Ersatz für die Biotope fordern können, schließlich sind die Veranstaltungen ja genehmigt gewesen (wenn auch vielleicht im Detail etwas anders). In jedem Fall spart der Investor den Ausgleich für die geschützten Biotope, wenn andere sie zuvor beseitigt haben.
    (Anm. 2012: Dockville war erfolgreich! Die neue Grünanlagenverordnung hat keinen Hinweis mehr auf die geschützten Biotope, sie wurden amtlich für nicht mehr existent erklärt; Entsprechendes wird für den zukünftigen Hafennutzungsbereich gelten.)

    Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Die Vernichtung der Trockenrasen-Flächen nördlich des Reiherstiegknies, südlich/bei der Neuhöfer Str., die vor etwa 1 Jahr von einer örtlichen Spedition bebaut wurden (da wo es bis vor kurzem auch einen Strandzugang gab), hat die Firma einen hohen 6-stelligen Betrag für den Ausgleich gekostet. Sie hat es ungeschickterweise versäumt, die Fläche zuvor dem Eventwesen zu unterwerfen.
    Dockville dabei als nützliche Idioten zu bezeichnen – das mögen sie gar nicht – wäre nicht ganz korrekt: Bei Idioten wäre davon auszugehen, dass sie nicht wissen, was sie tun.

    2.
    Lärm
    In Wilhelmsburg ist es zu laut zum Wohnen. Eine naheliegende Lösung für das Problem wäre eine Reduktion des Lärms. Das sieht auch die EU-Umgebungslärmrichtlinie vor.
    Dummerweise ist genau das nicht ernsthaftes Politikziel in Hamburg (zuständig: unsere Aufwertungsbehörde BSU). Die stadtweite Lärmminderungsplanung nach EU-Richtlinie wurde durch Umherschieben der Zuständigkeit an die Wand gefahren. Und auch die IBA-GmbH hat nicht den Auftrag, die Lärmbelastung des Stadtteils zu reduzieren. Es sollen im Gegenteil neue, kreative Lösungen gefunden werden. Z.B. das Überdecken des störenden Lärms mit Positivlärm. Wer mit Partylärm zugedröhnt wird, wird sich an scheppernden Container-Lkws in den Wohnstraßen oder an den diversen beulenkloppenden Containerreparaturbetrieben kaum noch stören. Oder anders ausgedrückt: Wilhelmsburg ist Opfergebiet für den Lärm. Da es eh zu laut ist, kann alles andere, was Krach macht, auch noch hierher.
    Dockville ist dabei Partymotor: Feierwillige Leute von andernorts lernen den Stadtteil als ideale Partylocation kennen und kommen wieder. Eventlärm wird zunehmend zur ortsüblichen Soundscape.

    Immerhin hat die Bezirksverwaltung nach zahllosen AnwohnerInnenprotesten ein Lärmregularium entwickelt, worin festgelegt ist, wie oft im Jahr es bei Großevents bis wann wie laut sein darf. Eine gute Idee, besonders wegen der allgemeinen Gültigkeit und der Transparenz der Regelung. Gleich der 1. Anwendungsfall im letzten Jahr wäre Dockville gewesen. Die Veranstalter_innen waren aber nicht bereit, die Lärmbegrenzung zum Schutz der Bevölkerung zu akzeptieren und behaupteten, die ganze Veranstaltung absagen zu müssen, wenn sie zur Einhaltung gezwungen werden sollten. Wegen der hohen Bedeutung von Dockville für das Aufwertungsgeschehen und das Gelingen der IBA beschloss die Politik dann eilig Sonderlärmrechte für Dockville. CDU/GAL/SPD wollten sogar nochmals längere nächtliche Lärmzeiten gegenüber dem Vorjahr durchsetzen, was aber von der Bezirksverwaltung als rechtswidrig(!) zurückgewiesen wurde.
    Das stark betroffene, weil nahegelegene Krankenhaus Groß Sand beschweigt den Lärm. Als IBA-Partner darf es sich vertragsgemäß nicht gegen die IBA äußern, die das Festival auf verschiedene Weise fördert.

    Wer sich mehr für Lärm generell interessiert: errechnete Lärmkarten sind unter www.laerm.hamburg.de zu finden. Besonderer Tipp: Die Industrielärm (Nacht)-Karte ankucken, nach Wilhelmsburg reinzoomen und dabei wissen, dass es in reinen Wohngebieten nachts nur max. 30 dB(A) haben darf (in der Karte werden aber erst Werte ab 45 dB(A) dargestellt – und trotzdem ist die Insel schon sehr bunt).

    3.
    Kinderarbeit...
    ...ist in unserem Lande verboten.
    Ladenketten bekommen Imageprobleme, wenn herauskommt, dass ihre Billigwaren von Kinderhänden produziert wurden; eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit ist gegenüber der Thematik vorhanden.
    Wenn aber angeboten wird, dass Eltern für ihrer Kinder Arbeit nichts bezahlen müssen, kann aus der Kinderarbeit plötzlich ein herausragendes soziales Engagement werden. So viel Altruismus löst Dankbarkeit aus. Denn die Kinder sind in den Ferien sinnvoll entsorgt und machen spannende Dinge. Dabei bauen sie kostenlos die Staffagen fürs Festival. Und wenn auch noch etwas angeboten wird, das für die Veranstalter_innen nicht direkt verwertbar ist, damit das Ganze nicht so fadenscheinig wird, so ist es doch wenigstens geschickte frühzeitige Kundenbindung.
    Dockville versucht das in diesem Jahr kaum zu verstecken: „Kunst, Musik, Kultur – all diese Säulen des Festivals führen wir jährlich im Rahmen der Kinderferienfreizeit LÜTTVILLE auf einer soziokulturellen Ebene zusammen und bieten über 120 Kindern aus dem Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg kostenfrei an, an dem Entstehungsprozess des Festivals teilzuhaben; so auch in diesem Jahr vom 2. bis zum 7. August. Gemeinsam mit Wilhelmsburger Bildungseinrichtungen (...) werden unterschiedliche Kreativworkshops angeboten, an denen die Kinder Werke für das Dockville Festival erschaffen“... (zit. nach http://wohininhamburg.wordpress.com)

    4.
    Ein Vergleich mit den Geschehnissen bei der Loveparade in Diusburg
    Zumindest 2 Parallelen gibt es bei Dockville:
    Zum einen gibt es Veranstalter_innen, die die Verwaltung unter Druck setzen, um eine maximale Genehmigung ohne lästige Auflagen zu erreichen.
    Diese stoßen dann zum anderen auf Politik und (tlw.) Verwaltung, die für das globale Standortmarketing ihrer Metropole bedenkenlos alles zu genehmigen bereit sind, solange es nur möglichst Rekorde bricht ist und positive Werbeimages erzeugt.
    Dies ist allerdings eine Allianz, die für Beteiligte wie Unbeteiligte durchaus dramatische Folgen haben kann.

  • Imageproduktion irritiert: PR-Barkassenfahrt zur igs gestoppt!

    Wir sind umgezogen. Diesen Beitrag findest du hier auf unserem neuen Blog

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    Gut 30 Leute haben am letzten Mittwoch (11.7.) einen Sommerloch-orientierten Presseausflug der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) im Wilhelmsburger Ernst-August-Kanal gestoppt und damit gegen die Aufwertungs-, Verdrängungs-, Abholz- und Absperr-Politik von IBA/igs protestiert.

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    BSU-Senatorin Jutta Blankau wollte sich "in den Sommerferien über aktuelle Umweltprojekte und Wohnungsbauvorhaben informieren" (na, wenn sie sonst schon nicht dazu kommt) und die "maritime Anfahrt zur Internationalen Gartenschau durch die neue Ernst-August-Schleuse" testen. Komisch nur, dass sie noch nicht mal dabei war, sondern sich von einem Staatsrat (auch noch aus der Wirtschaftsbehörde) vertreten ließ.

    Diese PR-Show wurde jedoch im Ernst-August-Kanal kurzzeitig gestoppt: kurz vor der Brücke Georg-Wilhelm-Straße machten sich Menschen aus dem Unterholz bereit, ausgerüstet mit Trillerpfeifen, Warntornistern und einer Seeminen-Attrappe der Propagandafahrt ein jähes Ende zu bereiten. Auf ein Zeichen waren Menschen mit Sprechchören und Schildern am Ufer, war ein großes Transparent an der Brücke zu sehen und war der Kanal mit Schwimmer_innen und herbei eilenden Ruderbooten blockiert. Die Barkasse machte jedoch keine Anstalten zu halten. Nachdem sie einen schwimmenden Aktivisten gerammt hatte, schob sie nach einem kurzem Stopp auch die Ruderboote vor sich her - allerdings mit einem sehr viel langsameren Tempo, als es sich die Organisator_innen von Behörde und igs vorgestellt hatten. Schließlich wartete gut 500m weiter ein kalt werdendes Buffet mit Sektempfang auf die an Bord befindliche und stets positiv zu stimmenden Medienvertreter_innen.

    Über die bordeigene Lautsprecheranlage kam nun die Durchsage an die Pressevertreter_innen, dass es hier "wie sie sehen auch kritische Stimmen" gäbe, mit denen "man sich nun an einen Tisch setzen und reden" müsse. Ein Aktivist folgte der Einladung und kletterte vom Wasser auf die immer noch fahrende Barkasse. Das Angebot zu reden erwies sich jedoch als nicht ganz ernst gemeint, zumindest wurde er sehr eilig von zwei herbei eilenden und für die Sicherheit zuständigen Menschen wieder ins Wasser befördert.

    Die nun eintreffende und überfordert wirkende Dorfpolizei konnte nicht verhindern, dass das Schiff von mit übel riechender Flüssigkeit und nasser Erde gefüllten Beuteln getroffen wurde. "Richtig so", kommentierte eine zufällig auf der Brücke mit ihrem Kind spazierende Anwohnerin einen Treffer. Bei kleineren Rangeleien zwischen Aktivist_innen und Polizei beim Überqueren der Straße wurde ein Schild konfisziert, sowie von einer Person die Personalien aufgenommen. Derweil bat der Kapitän des Schiffes über die bordeigene Lautsprecheranlage die Passagiere ins innere der Barkasse zu kommen, da "Dinge fliegen".

    Die Barkasseninsassen - unter anderem Heiner Baumgarten (a.k.a "Die Axt") und örtliche SPD-"Prominenz" - wurden derweil mit Kritik und Informationen über Wilhelmsburger Stadtentwicklung in Zeiten der IBA/igs versorgt. In einem von der Brücke auf die Barkasse geworfenen Flugblatt hieß es im Namen der "AG Schiffe versenken Wilhelmsburg":

    [...] Für Städte- und Gartenbau, der ohne konkreten Nutzen für die Bewohner_innen bleibt, wird ein immenser Teil der Insel umgepflügt, Schneisen in die "verwilderte" Natur geschlagen, Parks jahrelang abgesperrt, Prestigebauten hochgezogen und überdimensionierte Modellprojekte der "Modernisierung" des Wohnungsbestandes – Stichwort Weltquartier – umgesetzt. Schaffung von Wohnraum, der auch Menschen in prekären Lebensverhältnissen zugänglich ist? Schaffung unkommerzieller Orte als Treffpunkte und Raum für Selbstorganisation im Viertel? Fehlanzeige! Ein Budget von 100 Mio. € und das erhoffte Investitionsvolumen von 1 Mrd. € allein im Rahmen der IBA machen deutlich, dass es um die Vermarktung und Privatisierung der Insel und metropolitane Leuchtturmpolitik geht.

    Ein Ziel dieser Politik ist die Attraktivierung für eine besserverdienende, weiß-deutsche Mittelschicht. Diese umworbene Zielgruppe soll für die richtige "soziale Mischung" sorgen und den einstigen "Problemstadtteil" stabilisieren. Ihre Normen, ihr Geld, ihr "Engagement" sollen "Zivilität" und ein "friedliches Miteinander" fördern – gehen aber mit Verdrängung und Aufräumen einher. Als Effekt dieser Aufwertungspolitik steigen die Mieten. Gerade in den Gründerzeitbeständen des Reiherstiegsviertel werden immer häufiger 10€/m² Netto/kalt verlangt. Durchschnittlich stiegen die Angebotsmieten zwischen 2006 und 2011 um 21 %! Wohnraum wird für die, die hier wohnen und bleiben wollen, immer knapper. Die Lebensverhältnisse derer, die ohnehin mit vielfältigen Diskriminierungen und Ausschlüssen zu kämpfen haben und sich mit miesen Jobs durchschlagen müssen, verschlechtern sich so weiter.
    Diese Realiltäten der Aufwertung Wilhelmsburgs in Zeiten der IBA und igs greifen wir an. Wir haben keinen Bock darauf, uns in pseudo-demokratischen Beteiligungsshows vorgaukeln zu lassen, wir könnten über irgendetwas mitentscheiden. Wir haben keinen Bock mehr auf neoliberale Stadtpolitik! Die Stadt ist kein Unternehmen! Daher gilt für uns: IBA und igs die PR-Show vermiesen!

    Die Insel denen, die drauf wohnen!

    120711_barkasse

    Von "IBA versenken - Wohnraum verschenken" und anderen Sprechchören vom Wasser und Ufer aus begleitet, ging die Schleichfahrt der Propagandabarkasse bis zum Biergarten "Zum Anleger". Nachdem dort zunächst erfolglos versucht wurde, die Boote mit Fischerhaken von dem Bug der Barkasse zu vertreiben, täuschte diese ein Anlegen am ersten Steg vor. Die sich in Position bringenden Menschen im Wasser konnten nicht schnell genug zu einem zweiten, mit Polizei-Streifen gesicherten Anleger kommen, an dem die Barkassenfahrt dann schließlich endete. Der Biergarten selbst war mittlerweile von vier Funkstreifen gesichert, die, an Deeskalation interessiert, ein Teilnehmen der Anwohner_innen am Buffet verhinderten. Nach ca. einer Stunde trafen dann noch 3 Wannen mit sichtlich desinteressierten, aber trotzdem in voller Kampfmontur ausgerüsteten Bereitschaftspolizist_innen ein. Die ungestörte Rückfahrt der Barkasse zu den Landungsbrücken wurde von einem Schnellboot der Wasserschutzpolizei sichergestellt. Kurz zuvor war sich der Geschäftsführer der igs GmbH, Heiner Baumgarten, allerdings nicht zu schade für ein Fernseh-Interview mit Hamburg1, in dem er die Protestierer_innen als "eine kleine Gruppe, die hier immer wieder auffällt" diffamiert, die "einfach nur dagegen" sei und "keine Alternativen" hätte.

    Das die in Wilhelmsburg forcierte Stadtentwicklungspolitik auf breitere Kritik stößt, macht allerdings auch ein in der Nacht von Dienstag (10.7.) auf Mittwoch(11.7.) verübter Farbanschlag auf das IBA-Dock, der schwimmenden Geschäftsstelle der IBA GmbH, sichtbar. Als Anlass wird in einem an "mehrere Hamburger Zeitungen" verschickten Bekenner_innenschreiben die Barkassenfahrt der Stadtentwicklungs- und Umweltsenatorin Jutta Blankau genannt. Weiter heißt es:

    […]
    Wir wollen mit dieser "Kunstaktion" unseren Widerstand gegen die IBA/IGS und die Stadtentwicklungspolitik des Hamburger Senats zum Ausdruck bringen.
    Insbesondere die Internationale Bauausstellung (IBA) ist ein stadtentwicklungspolitisches Instrument um die Stadtteile Wilhelmsburg und Veddel aufzuwerten. Dagegen, die Lebensverhältnisse "aufzuwerten" ist erstmal nichts einzuwenden. Unter den Bedingungen des kapitalistischen Wohnungsmarktes allerdings führt dies auch immer zu einer Steigerung der Mieten und so zur Verdrängung einkommensschwächerer Bevölkerungsschichten(Gentrifizierung).

    Dass dies kein ärgerlicher Nebenaspekt der Aufwertung, der lediglich in kaufgenommen wird, sondern ein gewollter Prozess ist, zeigt nicht zuletzt das IBA-Logo mit dem stadtentwicklungspolitischen Leitspruch "Sprung über die Elbe". Wer soll da eigentlich springen? Und wohin?

    Es geht bei diesem Aufwertungsprozess eben nicht um die jetzt hier lebenden Bewohner_innen der Elbinsel und die Verbesserung deren Lebensverhältnisse, sondern die Insel soll aktraktiv gemacht werden für erst noch kommende zahlungskräftige Mieter_innen, Gewerbetreibende und Investor_innen. Diese Umstrukturierung wird von stadtpolitischer Seite aus gern auch damit begründet, einen sogenannten "sozialen Mix" (wieder-)herzustellen. Gemeint ist hiermit eine einseitige "Durchmischung" bzw. "Hinzumischung" einer weißen deutschen Mittelschicht zu einer als negativ angesehen und als problematisch definierten Bevölkerung aus überwiegend Transferleistungsempfänger_innen und Menschen mit Migrationshintergrund. Wird in diesem Zuge aber kein neuer Wohnraum geschaffen, bedeutet dies zwangsweise eine Verdrängung der hier lebenden Menschen.

    Am deutlichsten ist dies im nördlichen Reiherstiegsviertel mit seinem begehrten Altbaubestand zu beobachten. Durch Mieterhöhungen und Sanierungen wird die Bevölkerungsstruktur hier (systematisch) ausgetauscht. Dass es bei der an sich schon menschenverachtenden Argumentation des "sozialen Mixes" nicht um den Mix an sich geht, sondern um die einseitige Verdrängung von einkommensschwächeren Bevölkerungsteilen, zeigt sich unter anderem auch darin, dass zum Beispiel keine Sozialwohnungen in Blankenese oder vergleichbaren Stadtteilen gebaut werden.
    […]

    Ein Augenzeugenbericht von Medienvertreter_innen der Springer-Spresse gibt es hier.
    Dokumentiert wurde die Aktion auch in einem sehr schönen Beitrag von Utopie TV.
    Das ganze Bekenner_innenschreiben der Kunstaktion ist auf Indymedia zu finden.

    Ein schöner Startschuss für den IBA/igs-Entspurt!

  • Diskussion um eine mögliche IBA 2020 in Berlin - der AKU war dabei:

    Der AKU wurde nach Berlin eingeladen, um angesichts der dort geplanten IBA 2020 über Erfahrungen mit dem Stadtplanungsinstrument Internationale Bauausstellung und möglichen Auswirkungen auf städtische Umstrukturierungsprozesse zu berichten. Auch in Berlin wollen Planer_innen mittels einer IBA verborgene Schätze (respektive Stadtkapital) heben und entdecken weiße Flecken (von ihnen Voids genannt: Leer-Räume) - und haben also leider ungefähr die selben Ideen wie in Hamburg. Noch ist nichts klar, aber eine IBA 2020 wird wohl vom Berliner Senat beschlossen, und die Vorbereitungsgruppe hat sich schon mal so tollen Begriffen wie Hauptstadt - Raumstadt - Sofortstadt verschrieben - oder will mittels sozialer Mischung für Integration sorgen.
    Zur Kritik dieser Perspektive und Regierungsstrategie sei nochmal auf die Alles, Alles Verkehrt-Broschüre http://aku-wilhelmsburg.blog.de/2011/02/28/verkehrt-4-zentale-kritikpunkte-iba-hamburg-10717392/ und einen sehr treffenden Artikel von Andrej Holm
    http://gentrificationblog.wordpress.com/2009/07/29/mythos-soziale-mischung/ verwiesen.

    Diskutiert haben wir darüber mit Jutta Blume (Journalistin, u.a. MieterEcho) und Ricarda Pätzold (Stadtplanerin, TU Berlin). Einen Audiomitschnitt der Veranstaltung gibt es hier:

    http://stream.v2v.cc/media/video/300/video.ogv

  • Protestfahrt von GAGFAH-Mieter_innen und der AG Wohnen zu BSU

    Im Wilhelmsburger Bahnhofsviertel verschimmeln die Wohnungen, Spielplätze fehlen und die Mieterinnen und Mieter protestieren. Die AG Wohnen Wilhelmsburg hat eine Dokumentation zu Mängeln und Formen der Gegenwehr gemacht. Im Rahmen einer Protestfahrt zur Behörde für Stadtentwicklung um Umwelt forderten etwa 30 Mieterinnen und Mieter, dass die Stadt Verantwortung übernimmt.

    Impressionen der Fahrt gibt es hier von Graswurzel TV:

    Schwerwiegende Mängel an den Häusern der GAGFAH in Wilhelmsburg

    Seit langem werden im Wilhelmsburger Bahnhofsviertel Mängel nicht oder nur sehr notdürftig repariert. Inzwischen sind die Häuser, die zu einem großen Teil dem Immobilienkonzern GAGFAH gehören, in einem sehr schlechten Zustand. Ungeachtet der vielfältigen Proteste hat sich an der Politik des Wohnungskonzerns nicht viel verändert. „GAGFAH? Die machen hier gar nichts“, so fasst eine Mieterin zusammen.

    Die Politik muss tätig werden

    Auch die kommunale Politik blieb nach den Protesten nahezu untätig. Deshalb sind Mieterinnen und Mieter heute mit einem Bus zur Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt gefahren, um die zuständige Behörde daran zu erinnern, dass die Vernachlässigung ganzer Viertel ein politisches Problem ist. „Die Politik muss Verantwortung auch für uns, in diesem Teil von Wilhelmsburg übernehmen, wir wollen bewohnbare Wohnungen und Spielplätze“, fordert Mieter S.

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    Stellvertretend für Stadtentwicklungssenatorin Jutta Blankau nahmen der persönliche Referent der Senatorin sowie die Pressesprecherin der Behörde eine Unterschriftensammlung mit den politischen Forderungen sowie ein Exemplar einer Broschüre „Immer Ärger mit der GAGFAH – Eine Dokumentation über die Zustände im Bahnhofs- und Korallusviertel Wilhelmsburg“ entgegen. Das Ergebnis aus 144 Gesprächen mit Mieterinnen und Mietern ist so erschreckend wie deutlich: 61% der Befragten berichten über Probleme mit Schimmel, 37,5 % über feuchte Wohnungen, in 16,7 % der Wohnungen funktionieren die Heizungen schlecht oder fallen regelmäßig aus. Die Vertreterinnen und Vertreter der Behörde verwiesen auf die Veranstaltung „Mieten – Mängel – Wohnungsnot! Kann die GAGFAH machen, was sie will?“ http://www.verikom.de/mieten-mangel-wohnungsnot/ am Donnerstag, den 7.6. um 19 Uhr im Bürgerhaus Wilhelmsburg. Im Rahmen dieser Veranstaltung wird Matthias Kock vom Amt für Wohnen, Stadterneuerung und Bodenordnung über geplante Interventionen der Behörde berichten.

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    Überraschender Besuch des Wohnungskonzerns

    Gegen Ende der Kundgebung überraschten zwei Abgesandte der GAGFAH mit einem Besuch. Sie versprachen, Einzelfälle zu prüfen und künftig zu bearbeiten. Zielsetzung der Mieterinnen und Mieter und der AG Wohnen bleibt jedoch eine politische Lösung, die über die Bearbeitung von Einzelfällen hinaus geht.

    Bei weiteren Fragen wendet Euch an die AG Wohnen unter der Telefonnummer 0151-27947186 oder an uns unter der Adresse aku@ucrony.net

  • Broschüre "Immer Ärger mit der GAGFAH" ist online

    Nachdem seit den Protesten im Wilhelmsburger Bahnhofsviertel sich weder die Politik der GAGFAH noch die Nichtbeachtung durch kommunale Politik verändert hat, kommt es wieder zu Protesten im Wilhelmsburger Bahnhofsviertel und darüber hinaus.

    In 144 Gesprächen mit Mieter_innen hat die AG Wohnen versucht, einen Einblick in Mängel und die Aktivitäten der Menschen zu bekommen. Ein Ergebnis ist die vorliegende Broschüre, die heute zusammen mit einigen Mieter_innen bei der BSU Übergeben wurde. Aber lest selbst:

    Immer Ärger mit der GAGFAH

  • Fahrt zur BSU am 4. 6. - Aufruf von Mieter_innen der GAGFAH und der AG Wohnen Wilhelmsburg

    Liebe Nachbarinnen und Nachbarn!
    Liebe Bewohner_innen dieser Stadt!

    Wollen wir gemeinsam träumen?

    Wir stehen früh auf, gehen auf unseren Balkon und schauen uns die Umgebung an: Auf der einen Seite hören wir die Vögel zwitschern, auf der anderen Seite genießen wir mit großer Bewunderung die grüne saubere Umgebung. Die Gehwege, die Ausruh- und Sitzmöglichkeiten, die Kinderspielplätze und die ge­pflegten Häuser rings um uns herum können wir uns zu unserer Zufriedenheit anschauen. Zudem sind wir uns gewiss, dass wir Mieter und Mieterinnen einer Wohnungsbaugesellschaft sind, die sich sofort um un­sere Belange kümmert und uns Wohnraum zu einem Mietzins zur Verfügung stellt, der unseren finanziel­len Rahmen nicht sprengt.

    Aber das ist nur ein Traum!

    Zurzeit werden Millionen ausgegeben, um unseren Stadtteil Wilhelmsburg in ausgewählten Bereichen städtebaulich und hochbaulich zu verschönern. Es werden Straßen neu gebaut und gestaltet und sogar neue Siedlungen aufgebaut. Viele Ecken des Stadtteils werden von Grund auf saniert.

    Und wie sehen unsere Straßen und Gebäude im Wilhelmsburger Bahnhofsviertel aus, die Häuser, in de­nen wir leben? Die Realität unseres Wohnens und Wohnumfeldes in Wilhelmsburg ist gekennzeichnet von schimmeligen Wänden, fehlenden Spielplätzen und überzogenen Nebenkosten. Im Vergleich zu anderen Stadtteilen leben und wohnen wir unter menschenunwürdigen Bedingungen!

    Den verantwortlichen Behördenvertreter der Freien und Hansestadt Hamburg möchten wir noch einmal unsere prekäre Lebens- und Wohnsituation schildern und sie auffordern, eine Verbesserung des Gebäude­bestands und des Wohnumfelds unseres Quartiers herbei zu führen. Wir möchten Politiker und Politike­rinnen in Verantwortung nehmen und sie fragen, was sie gedenken konkret zu tun, um unsere Wohnquali­tät zu verbessern.

    Uns reichts!

    Damit unsere Probleme nicht in der Verwaltung und Politik in Vergessenheit geraten, treffen wir uns am Montag, dem 04.06.2012 um 11:00 Uhr vor der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (Stadthausbrücke 8, in der Neustadt), um dort unser Anliegen vorzutragen.


    Mieter_innen der GAGFAH und AG Wohnen Wilhelmsburg

  • Mieten – Mängel – Wohnungsnot! Kann die GAGFAH machen, was sie will?

    Wir sind umgezogen. Diesen Beitrag findest du hier auf unserem neuen Blog

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    Unter diesem Titel findet am Donnerstag, den 7.6.12 um 19 Uhr im Bürgerhaus Wilhelmsburg (Mengestr. 20) eine Diskussionsveranstaltung statt, zu der Verikom in Kooperation mt der AG Wohnen Wilhelmsburg, der auch der AKU angehört, einlädt.

    Mit dabei sind
    - Anwohner_innen aus dem Korallus- und Bahnhofsviertel
    - Matthias Kock, Amt für Wohnen, Stadterneuerung und Bodenordnung der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt
    - Heike Sudmann, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Partei Die Linke in der Hamburger Bürgerschaft
    - Marc Meyer, Jurist bei Mieter helfen Mietern

    Der Wohnungskonzern GAGFAH lässt die Wohnblocks im Wilhelmsburger Korallus- und Bahnhofsviertel immer weiter verkommen. Seit den Protesten der Mieter_innen im letzten Jahr ist das verantwortungslose Geschäftsverhalten der GAGFAH ein öffentliches Thema geworden. Die GAGFAH verschleppt die Instandhaltung der Häuser. Die Mieter_innen beschweren sich weiterhin über gravierende Mängel wie kaputte Fahrstühle, großflächigen Schimmel durch nasse und marode Außenwände, undichte Dächer, Fenster und Türen, etc. Hinzu kommen infrastrukturelle Probleme: fehlende Parkplätze und Spielplätze.

    Nun ist die Politik gefragt, denn das Vorgehen der GAGFAH ist weit mehr als ein mietrechtliches Problem der Einzelnen. Die Menschen sind durch eine Vermieterin wie die GAGFAH erpressbar, weil sie auf dem Wohnungsmarkt keine Alternative haben. Wir wollen folgende Fragen diskutieren:

    Auf welcher Ebene liegt die Zuständigkeit der Stadt für die Auseinandersetzung mit einem privaten Wohnungskonzern, der die Instandhaltung von Wohnraum in grober Weise vernachlässigt? Welche Perspektive, welche Pläne hat die Stadt für das Wilhelmsburger Korallus- und Bahnhofsviertel? Welche stadtentwicklungspolitischen Instrumente zur Verbesserung der Infrastruktur und zum der Erhalt der Wohnqualität können zum Einsatz kommen?

    Wir laden alle Anwohner_innen herzlich ein, an der Veranstaltung mit eigenen Beiträgen teilzunehmen.

    verikom Wilhelmsburg in Kooperation mit der Arbeitsgruppe Wohnen Wilhelmsburg

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